Das nächste Ziel ist Äthiopien, allerdings auf traumhaften Umwegen. Wir fahren wieder entlang des Weißen Nils, finden einen wunderschönen Platz zum Campen – auf einer Wiese, das erste Mal nicht im Sand. Keine fünf Minuten und eine Horde Kinder umlagert unser Camp. Fußball raus und losgelegt. Hüftsteif schieben wir den Ball über den golfplatz-kurzen Rasen. Zu spät fällt auf, die kleinen Racker haben es auf unseren Ball abgesehen. In einer Spielpause wird es verdächtig ruhig, einer nach dem anderen verkrümelt sich, vom Leder nichts zu sehen. Im letzten Moment bekommen wir sie zu packen, der Ball findet sich weit ab in einem Baum versteckt. Egal, wir pfeifen die zweite Halbzeit an.
Abseits der Straßen geht es am nächsten Morgen weiter. Wir suchen unseren Weg durch Wüste, Steppe, ausgetrockneten Flüssen und entlang verwaister Bahnschienen, meist ist weit und breit kein anderes Auto zu sehen – am Ende stehen 260 Kilometer Offroad, beziehungsweise Dirtroad auf dem Tacho. Am schlimmsten sind die Wellblechstrecken, das stundenlange Geschüttel zerlegt Mensch und Maschine. Ausfälle an unserem Bus: Innenraumgebläse durchgebrannt, Kurzschluss zum Kühlerlüfter. Mit Hilfe einer Plastikdose lässt sich der Lüfter reparieren, das Gebläse für den Innenraum ist leider nicht so einfach zu flicken, kein Spaß bei über 40 Grad Außentemperatur.
Mit ausgetrockneten Kehlen geht es an die Grenze nach Äthiopien. Klassisch, die Frage des Zöllners: „Wo soll es denn hingehen?“ – Antwort: „Äthiopien.“ – Reaktion: „Ah, okay.“ Mit Blick auf den Grenzbaum kostet es Selbstbeherrschung nicht los zu lachen.
Sehenswert, die Äthiopische Stempelstelle für unsere Pässe. Vorbei an Hühnern, steht man in einer dunklen Lehmhütte – kaum zu glauben, dass der moderne Botschaftsbau in Khartum und diese windschiefen Bude demselben Land gehören. Passend zum äußeren Eindruck gibt es in der Hütte keinen Computer, von Hand kontrolliert der Beamte lange Listen. Zu lange für Bernd, er nickt selig auf seinem Stuhl ein und zu lange für den Zoll – Mittagspause.
Egal, wir lassen den Wagen im Sudan stehen und stürmen die erste Kaschemme in Äthiopien. Mit Tränen in den Augen trinkt Kay nach 17 Tagen seine erste Flasche Bier. Die Wirkung, verheerend – einmal angesaugt, lässt er sich erst sieben Flaschen später stoppen
Nach vier Tagen erreichen wir durchgeschwitzt Khartum. Unser Visum für Äthiopien ist schon abgelaufen, es gilt für 20 Dollar ein neues zu besorgen. Gar nicht so einfach, richtige Öffnungszeiten hat die Botschaft nicht, morgens aufgemacht werden 17 Leute eingelassen, wer nicht da drunter ist, muss sein Glück am nächsten Tag versuchen. Einen anderen Grund die Hauptstadt Sudans zu besuchen gibt eigentlich nicht.
Bemerkenswert sind die Straßen: Häufig fehlen mitten auf der Fahrbahn Gullydeckel, damit erinnert der Trip durch die Stadt an ein Telespiel, landet man in so einem Loch, verliert man statt eines virtuellen Lebens die Vorderachse. Wir haben auf den Weg nach Khartum zwar nicht unsere Achse, dafür aber Luft aus dem linken Hinterreifen verloren. Ein kleiner Riss in der Stahlfelge ist schuld – 3,50 Euro kostet uns die Schweißnaht, hoffentlich hält sie bis Südafrika.
Unser Highlight in Khartum: Die tanzenden Derwische. Auf einem Friedhof treffen sich jeden Freitag ein Gruppe von rund 80 Sufis, eine mystische Abspaltung des Islams. Trommelsound und wildes Gedrehe soll die Tänzer in Trance versetzen. So die Theorie, viele von den Jungs hatten eher die Kameras im Blick, als die spirituelle Erfahrung. Egal, die Typen sehen schon sehr speziell aus, könnten auch aus Indien stammen.
9.243 Kilometer seit Hamburg.
Übers Wasser ist die einzige Möglichkeit mit dem Auto aus Ägypten in den Sudan zu kommen. Verwunderlich, schließlich teilen sich die beiden eine etliche 100 Kilometer lange Grenze. Offiziell liegt dieses komplizierte Verfahren an Grenzstreitigkeiten, böswillige Zeitgenossen könnten auch vermuten, dass das Fährunternehmen gute Kontakte zu den Behörden pflegt – die Kuh, die einen ernährt, schlachtet man nicht.
Zumindest wissen wir jetzt, dass wir gesund sind – zu den Einreiseformalitäten an Bord gehört Fiebermessen, alle Passagiere haben ihren Kopf durch ein Bullauge zu stecken, blitzschnell wird einem ein Thermometer ins Ohr gesteckt, das Ergebnis auf einem Zettel notiert. Komisch, unsere Temperaturen liegen zwar zwischen 32 und 34 Grad, aber das scheint keinen zu beunruhigen. Der Sudanese ist offensichtlich nicht so heißblütig.
Richtig blöd an der unfreiwilligen Bootstour, unser Auto muss auf ein extra Schiff, ein kleiner Frachter – nicht viel breiter als unser Bus lang ist. Die Nussschale ist windempfindlich, es kommt wie es kommen muss, ein Sandsturm verzögert die Ankunft der Autofähre. Am Mittwoch geplant, landet der Wagen erst am Freitag in Wadi Halfa, dem muslimischen Feiertag. Mit Warten geht es weiter, schließlich arbeitet der Zoll auch am Samstag nicht, wir dürfen lediglich den Bulli von Bord fahren.
Sechs Tage in einem Ort aus flachen Lehmhütten, einem zwei Euro Hotel, viel Sand und Staub – ohne fließend Wasser, ohne Bier. Ein schlechter Start in den Sudan. Der einzige Lichtblick, wir haben ein nettes Restaurant gefunden. Das Familienunternehmen besteht aus Mutter, Vater und drei Töchtern. Ihre Speisekarte ist zwar überschaubar, bietet ab den dritten Tag nur noch Wiederholungen, dafür ist es billig, rund zwei Euro kostet ein Fleischgericht. Auch für Unterhaltung ist gesorgt, es schreit die ganze Zeit aus einem Fernseher in der Ecke, mit etwas Glück sogar in Englisch – Rocky III, Braveheart, alle Star Wars Episoden und andere alte Blockbuster sorgen für Ablenkung. Kays Geburtstagsfeier nicht, seine erste Trockene nach 26 Jahren, es ist einfach kein Schnaps aufzutreiben.
Egal, Sonntag geht es endlich weiter – der Sudan will entdeckt werden. Wir sind nicht mehr alleine unterwegs: Claus fährt mit seinem Toyota Land Cruiser voraus, das erste Mal so richtig Offroad. Sandpisten, Dünen – die Strecke am Nil entlang hat es in sich. Unser Bulli kommt mit seinen 70 PS an seine Grenzen, nur mit einem Trick kommen wir durch den tiefen Sand: Mit kaum noch Luft in den Reifen sinkt der T3 nicht so tief ein, wühlt sich frei. Es geht weiter durch malerische Dörfer, so eng, dass unser Auto fast an den Lehmmauern kratzt. Auch hier überall zu viel Sand für unseren Bus, gut dass die Dorfbewohner schieben helfen. Auf den Märkten gibt es Gemüse, Brot und Reis. Campingplätze gibt es nicht, kurz vor Sonnenuntergang stellen wir uns einfach an den Nil. Die erbeuteten Zutaten bruzzeln wir jeden Abend zu einem leckeren Essen auf dem Gaskocher im Auto. Das Beste: Die Pyramiden und Tempel auf unserem Weg haben wir für uns alleine – glücklicherweise hat Ägypten keine Exklusivrechte auf solche Sehenswürdigkeiten.
Immer montags startet die Personenfähre vom ägyptischen Assuan nach Wadi Halfa im Sudan. Auf ins Fährbüro, 70 Euro kostet die Karte pro Person. Das Ticket fürs Auto, 267 Euro, können wir erst im Hafen lösen. Vorausgesetzt wir bekommen die nötigen Papiere. Als erstes gilt es eine Bestätigung vom Traffic Court zu besorgen. Das Problem: Selbst die Stasi hat ihre konspirativen Wohnungen nicht besser getarnt, als die Ägypter diesen Behördenbau. Irgendwie blöd, schließlich muss jeder Tourist den Beleg zur Unfallfreiheit bei der Ausreise mit dem Auto vorweisen. Mit Hilfe eines Taxifahrers finden wir den richtigen Weg, landen mit der Bestätigung in der nächsten Behörde, der Traffic Police, den Wagen abmelden. Gewohntes Bild, viele Schalter, statt in Schlangen stehen die Leute in Trauben an. Unser Glück: Hilflose Touristen bekommen eine Extra- behandlung, wir dürfen hinter die Schalter, um unsere Angelegenheiten abzuwickeln. Unsere Papiere verschwinden in den Aktenbergen, einer Altpapiersammlung gleich.
Maria hat sich dieses Theater erspart, kommt erst abends mit dem Nachzug aus Kairo. Ihre Augenverletzung ist gut verheilt, so können wir die Weiterreise in den Sudan zu dritt antreten.
Montag, acht Uhr, wir stehen am Hafen und warten auf Mr. Salah aus dem Fährbüro. Ohne Hilfe wird es auch hier schwer den Papierkram zu regeln. Zoll, Stempel, Fahrzeugpapiere, alles muss in gewohnter Manier abgearbeitet werden. Kurz nach Mittag sind wir mit allem fertig, bereit für die Verladung der Autos. Neben unserem betagten Bulli warten der Toyota von Claus, der Land Rover von Natalie und Donald und die Motorräder von Daniel und Detlef. Leidensgenossen. Unsere Taktik: Maria und Natalie entern die Fähre, sichern uns auf dem Oberdeck mit Decken und Planen einen Platz an der frischen Luft. Nur so lassen sich die nächsten 20 Stunden auf dem Nasserstausee einigermaßen überstehen.
Gegen drei Uhr ist es endlich soweit, die Autos werden verladen, nicht auf die Personenfähre, sie kommen auf eine kleine Schute mit Motor. Über abenteuerliche Rampen rumpelt der Bus seitlich auf die, nicht viel breiter als eine Wagenlänge kleine Fähre. So zumindest der Plan: Tatsächlich schießt die eine Rampe beim Befahren unter dem Reifen davon, unser Bulli neigt sich bedenklich und hängt halb auf der Fähre und halb auf Land, streckt ein Rad weit in die Luft, fast wie ein Elefant bei der Fußpflege. Große Aufregung. Mit Sandblechen von Donald und Teppichrollen aus der Schiffsladung schaffen wir es eine Behelfsrampe zu bauen. Um eine kleine Delle am Schweller reicher, steht der Bus am Ende sicher an Bord.
Die Personenfähre erinnert eher an ein Flüchtlingsboot, überall Gepäck, viel zu viele Menschen, grausame Toiletten. Zumindest ist im Fahrpreis eine Mahlzeit enthalten, Hähnchenkeule mit Bohnen und Reis. Lecker. Die Nacht an Deck ist skurril, wie die Ölsardinen schlafen wir unter einem wunderschönen Sternenhimmel. Obwohl schlafen, ist zu viel gesagt, dämmern trifft es wohl eher – das Deck ist so hart, dass man das Gefühl hat, die Hüfte verschmilzt mit dem Metall, ständig stolpert jemand über uns und es stinkt unglaublich nach Fuss. Um zwölf Uhr mittags erreicht die Fähre den Hafen von Wadi Halfa. Diese Landzunge mit Steg als Hafen zu bezeichnen zeugt von Selbstbewußtsein. Unsere Autos sollen erst am nächsten Tag kommen, die Schute darf ohne Radar nicht in der Nacht fahren. Am Ende warten wir fünf Tage auf den Bulli, Sturm, Feiertage und Zoll verhindern unsere schnelle Weiterfahrt.
Der Polizeiclub von Asyut, unser unfreiwilliges Nachtlager am Nil, erklärt zumindest warum es so viele Polizisten gibt: Ein gepflegtes Restaurant, ein toller Sportplatz und eine traumhafte Lage. Der ägyptische Schutzmann weiß, wie es sich privilegiert leben lässt.
Für uns geht es weiter Richtung Luxor: Zu unserem eigenen Erstaunen erst einmal ohne Polizeieskorte. Nach rund fünf Kilometern ist Schluss mit der neu gewonnenen Freiheit, Polizeisperre. Gewohntes Bild: Viel Gerede, bis ein Pick Up mit vier Bewachern voraus fährt, mit 40 km/h. Nervig, man fährt durch eine wunderschöne Gegend und hat die ganze Zeit den Bremsklotz vor der Nase. Was soll’s, Ungeduld hat in Afrika nichts zu suchen, also zuckeln wir brav hinter her. Und Überraschung, an der nächsten Sperre geht es ohne Beschützer weiter. Verstehe einer die Ägypter. Anhand der Uniformen können wir mittlerweile eine grobe Einteilung der einzelnen Polizisten machen.
Braune Uniform, ohne Abzeichen: braucht Hilfe beim Anziehen
Braune Uniform, mit Abzeichen: darf eine Kalaschnikow auf Touristen richten
Blaue Uniform, mit einem Balken: kennt jemanden, der Englisch spricht
Blaue Uniform, mit einem Stern: spricht genau so viel Englisch, um für Verwirrung statt Aufklärung zu sorgen.
Wir nutzen den unbeobachteten Moment für eine Kaffeepause am Nil. Unbeobachtet? Kaum geparkt ist das halbe Dorf bei uns zu Gast. Händeschütteln, Kauderwelsch, Fotos machen, Babys, Esel und Hunde streicheln – es dauert, bis es weiter geht. Offensichtlich zu lange, an der nächsten Kontrolle große Aufregung, wo waren wir nur so lange? Klar, dass das so mit uns nicht weiter geht, also wieder vier Mann zur Bewachung hinter her. Rund 50 Kilometer vor Luxor sind wir auch die letzten nervigen Gesellen los, den Rest der Strecke scheint man uns alleine zu zutrauen.
In Luxor (6.653 Kilometer seit Hamburg) landen wir in einem kleinen Hotel direkt am zentralen Tempel. In der alten Stadt am Nil stolpert man über viele antike Sehenswürdigkeiten und viele Touristen. Klar, dass alle die gleichen Pfade entlang trampeln. Ausgeschlafen geht es ins Tal der Könige, früher Nachmittag und überraschend wenig los. Schnell wird klar warum: Zu heiß für Massentourismus, 42° C und wir haben die Gräber für uns alleine. Genau genommen den Besuch von drei, denn der Eintritt von rund elf Euro erlaubt nur diesen kleinen Ausflug in die Unterwelt. Wer mehr sehen möchte, muss auch mehr Eintrittskarten kaufen. Für ein kleines Trinkgeld gibt’s den Tipp die Gräber von Thutmes III, Tausert und Setnakht und Ramses III zu besuchen. Die 50 Cent haben sich gelohnt, wunderschön bemalte Reliefs, nur bei Thutmes könnte man fast auf die Idee kommen, die Malereien seien neu mit dem Edding gezogen.
Die Fähre in den Sudan wartet nicht, weiter geht’s. In Assuan finden wir ein kleines Hotel in den Straßen des Basars. Ein Name steht nicht am Eingang, für vier Euro die Nacht verzeihen wir diese Kleinigkeit, den Zustand der Gemeinschaftstoiletten nicht. Egal, wir bleiben nur drei Tage. Assuan ist für lange Zeit die letzte Möglichkeit ein Bier zu trinken. Der Sudan liegt trocken und glaubt man den anderen Reisenden gibt es nicht einmal einen Schwarzmarkt für Alkohol. Neben Bier für uns gibt es Stahlketten und Schlösser für den Bus. Nach dem unser Bulli in Jordanien aufgebrochen wurde, sichern wir die Türen jetzt mit schwerem Gerät. Eine lange Kette innen zwischen den Vordertüren, eine kurze außen zwischen Schiebe- und Beifahrertür.
Das Rote Meer hat viele Gesichter – wer im Massentourismus von Hurgarda landet blickt in eine hässliche Fratze, gut dass wir, statt im klimatisierten Reisebus, im luftigen Bulli unterwegs sind, denn der bringt uns nach Dahab auf die Sinai-Halbinsel – hier gibt es zumindest ein paar Wohlfühloasen. Wir liegen entspannt auf weichen Teppichen am Strand, das Feuer brennt – Bier löscht den Durst von unseren drei Kehlen. Drei? Ja, richtig gelesen, wir sind jetzt zu dritt, wie geplant haben wir Maria aufgegabelt. Maria ist für zwei Monate an Bord des kleinen Bullis. Ein Nachteil hat das Verwöhnprogramm in Dahab, es muss irgendwann enden, sonst fällt die Weiterfahrt zu schwer. Bevor es zurück auf die Straße geht, geht es erst einmal unter Wasser: Es ist wirklich unglaublich, auf Land – Wüste. Nur Romantiker (Kay) können dieser trost- und tierlosen Gegend was abgewinnen, steckt man den Kopf aber unter Wasser haut einen die Farbenexplosion geradezu um: Unglaublich viele, gutgelaunte Fische faszinieren mit ihrem lebendigen Treiben. Gut das keiner so richtig nach unserem Tauchschein fragt. Die Fahrt durch Sinai fängt zwar in den Bergen schön an, endet aber langweilig Richtung Suezkanal, nur die chaotischen Polizeikontrollen sorgen für etwas Abwechselung: Einmal wollen sie unsere Pässe, bei der nächsten den Führerschein, um dann einen Blick in den Bulli zu werfen. Warum auch immer.
Kairo: 5.672 Kilometer nach dem Start in Hamburg erreichen wir die erste afrikanische Hauptstadt: Unser Reiseführer spricht von 18 Millionen Einwohnern. Die vielen Menschen sind wahrscheinlich ein Grund für die ungewöhnliche Verkehrsführung. Um die Massen irgendwie am fließen zu halten, sind ganze Häuserzeilen mit Brücken überspannt.
Wir finden in dem ganzen Chaos ein kleines Hotel, nicht weit weg vom Ägyptischen Museum. Rund 14 Euro kostet das Einzelzimmer, mit eigenem Bad. Neben den Pyramiden gibt es einen weiteren Grund für den Umweg, es gilt das Visum für den Sudan zu besorgen. Gar nicht so einfach, der erste Anlauf scheitert – der nette Beamte möchte sich vergewissern, ob wir auch rechtschaffend sind. Im Klartext: Für die Einreise ist ein Empfehlungsschreiben der Deutschen Botschaft nötig, leider hat die schon dicht. Schade, denn die nächsten beiden Tage geht auch nichts – heiliger Freitag. Am Sonntag, im Ausland arbeiten unsere Staatsangestellten an diesem Tag, gibt es das fehlende Papier. Problemlos geht es in der sudanesischen Botschaft weiter, um 100 Dollar und zwei Passbilder pro Nase ärmer, erhalten wir die Visa nach einem weiteren Tag Wartezeit.
Einen Vorteil hat die Zwangspause: Maria hat sich am Auge verletzt, muss in einem Krankenhaus behandelt werden. Gut, dass das hier in Kairo passiert und nicht irgendwo im Sudan.
Die Pyramiden sind zwar faszinierend, viel überraschender ist aber ihre Lage. Naiv vermutet man sie in den unberührten Weiten einer malerischen Wüste – tatsächlich kann man sie aber vom Zentrum aus, mit einem Taxi, besuchen – je nach Verhandlungsgeschick kostet das keine fünf Euro. Kairos Moloch verschluckt allmählich diese unglaublichen Baudenkmäler, bedauerlich.
Sechs Tage Kairo reichen, es geht weiter Richtung Luxor – ohne Maria. Ihr Auge ist schlimmer verletzt, als anfangs vermutet. Der Entschluss steht – sie soll ihr Auge weiter in Kairo schonen, kommt dann direkt mit einem Nachtzug nach Assuan, dem Startplatz unserer Fähre in den Sudan. Gute Entscheidung, denn der erste Versuch in Ägypten im Bus zu schlafen, endet unter der Obhut der Polizei. Bis zu acht Polizisten stehen mit Kalaschnikows um uns herum und beraten was mit uns zu machen ist. Das Problem: Eigentlich dürften wir gar nicht da sein, uns fehlt der nötige Polizeischutz für eine Fahrt entlang des Nils. Am Ende ist es drei Uhr Nachts bis wir im Bus liegen, unser Schlafplatz: Der Polizeiclub in Asyut. Halb Acht, Morgentoilette nach einer viel zu kurzen Nacht unter den Blicken von sieben Polizisten – wir haben schon mehr gelacht.
Nicht der erste Moment den Humor zu verlieren, uns wird der Diesel knapp. An den Tankstellen entlang des Nils herrscht entweder gähnende Leere oder großes Gedrängel. Je nach dem ob der Selbstzünderkraftstoff aus den Zapfhähnen sprudelt oder nicht. Wir stellen uns zweimal in einer Schlange an und geben zweimal auf. Zu nervig – ständig drängelt sich jemand vor, oder es werden knallhart 2000 Liter Fässer gefüllt. Mit dem letzten Tropfen Sprit aus unseren Reservekanistern erreichen wir eine einigermaßen freie Tankstelle. Gerettet.
Es gibt so viele Tempel und Grabhöhlen in Petra zu entdecken, da ist es schwer sich los zu reißen. Nach rund vier Stunden ruft die Wüste: Wadi Rum – Man sagt, wer nur ein paar Stunden Zeit hat, um die Wüste kennen zu lernen, ist hier richtig. Nicht ohne Grund wurde hier ”Lawrence of Arabia“ gedreht, wir drehen eine kurze Runde mit unserem Bulli durch den Sand und würden gerne mehr Zeit hier verbringen. Dass mangelnde Zeit nicht unser Problem ist, ahnen wir noch nicht.
Zurück in Aqaba, vier Flaschen Bier geschnappt und ab zur Hafenmole, ein eindrucksvoller Sonnenuntergang wartet. Unglaublich, wir sitzen gerade in einer Ecke des Roten Meeres die es in sich hat: Im Westen Palästinenser, daneben Israel, östlich Saudi Arabien und gegenüber Ägypten, alles auf Sichtweite. Zwischendurch sind wir sogar an Schildern vorbei gefahren, die den Weg Richtung Irak zeigten.
Nach dem kalten Bier an der Hafenmole, der erste Schock auf der Reise: Der Bus ist aufgebrochen, unsere Sachen durchwühlt. Die Freundlichkeit der Leute macht uns zu leichtsinnig. Kays iPhone ist weg und unser Navigationsgerät fehlt. Ärgerlich, hätte aber auch viel schlimmer sein können, schließlich haben sie unsere geheimen Verstecke für Geld und Pässe nicht gefunden. Die liegen nämlich unter dem ……. (Hallo, so blöd sind wir dann doch nicht).
Ein Grund mehr weiter zu reisen. Die Hafenstadt Aqaba ist unser Tor nach Afrika, weil wir nicht durch Israel möchten. Wir müssen die Fähre nehmen, mit einem israelischen Einreisestempel im Pass würde der Schlagbaum in den Sudan für uns verschlossen bleiben, aber erstmal geht es nach Ägypten. Das ägyptische Konsulat in Aqaba ist speziell, der Beamte hinter dem Schalter ein Unsympath, behandelt uns aufgesetzt freundlich, raunt seine eigenen Landsleute aber die ganze Zeit mehr als übel an. Am Ende haben wir das Visum und nur das zählt.
Auf zur Fähre Aqaba-Nuweiba, die Zeit drängt. Der Bulli schaukelt, nicht weil das Tempo zu hoch wäre, es bläst eine steife Briese von Süd-West – Und tatsächlich, der erste Versuch die Fähre zu nehmen scheitert, Sturm. Der Zweite, am nächsten Tag, kostet nur Nerven. Aber das Spiel kennen wir mittlerweile, viele Stempel, viel hin und her, bis nach 5 Stunden alles klappt und der Bus, nach dem Röntgen, auf der Fähre landet. Ein teurer Spaß: 225 Dollar für den Bus und je 60 Dollar für uns. Wenn dann wenigsten die Überfahrt schnell gehen würde.
Der Reiseführer nennt das, in Norwegen ausgemusterte, Schiff langsam. Eine unglaubliche Untertreibung, wir diskutieren, ob es steht, oder noch schlimmer: von der Strömung rückwärts getrieben wird. Wenn doch wenigsten der Sturm vom Vortag für Vortrieb sorgen würde. Statt angegebener drei Stunden, dauert die kurze Überfahrt fünf, zum Schluss werden wir sogar auf Deck, ohne irgendeine Info, für 40 Minuten eingesperrt. Und erst die Formalitäten am Zoll. Um uns herum werden schwer bepackte Autos komplett gefilzt. Der Touristenbonus sorgt zumindest bei unserem Gepäck für milde gestimmte Beamte, wir müssen nicht alles ausladen. Bei der Fahrgestellnummer sind sie wieder streng, der Beamte schmeißt sich unter den Bus, um sie zu entziffern. Selbst unsere Feuerlöscher müssen wir vorzeigen. Nur so viel – ohne Hilfe eines speziell für Touristen abgestellten Beamten, säßen wir noch heute da. Schließlich befestigen wir tolle neue Nummernschilder über unsere Hamburger Kennzeichen und fahren, um 175 Euro erleichtert, mit unserer ägyptischen Zulassung aus dem Hafen, Richtung Dahab, um Maria einzusammeln, sie wird uns die nächsten zweieinhalb Monate begleiten.
Aber jetzt erstmal zwei Tage am Roten Meer entspannen, das haben wir uns verdient. Ein kaltes Bier, bequeme Kissen, ein großes Lagerfeuer – das erste Mal, dass sich unsere Reise wie Urlaub anfühlt. Keine Frage, die kurze Auszeit am Strand tut gut, die letzten Tage waren echt stressig.
Wir kommen erst um kurz vor 16h00 an, der erste unfreundliche Jordanier, den wir treffen, verlangt patzig 33 Euro Eintritt pro Nase und beantwortet keine unserer Fragen. Genervt verlassen wir Petra Richtung Aqaba, es gilt am nächsten Tag das Visum für Ägypten zu besorgen. Soweit der Plan, klappt nur nicht: Freitags und sogar samstags ist Ruhetag, das heißt mindestens zwei weitere Tage in Jordanien. Also wieder auf nach Petra, schön früh damit es sich lohnt. Und dann das: Schnee und Hagel, offensichtlich bringen Hamburger ihr Schiet-Wetter sogar in die Wüste mit. Nach einer 120 Kilometer Horrorfahrt, mit einer Sicht unter 30 Meter, Blitz und Donner landen wir in Petra, um zu erfahren, dass die antike Stadt geschlossen ist, schlicht abgesoffen. Okay, wir lassen uns nicht endmuntern, schlagen in der Nähe des Einganges unser kaltes Nachtlager auf. Es hagelt und stürmt, viel Hoffnung auf Einlass am nächsten Tag machen wir uns nicht. Bei gefühlten minus zehn Grad und tatsächlichen Null Grad, zur Erinnerung wir sind in Jordanien, schlottern wir durch die Nacht um an einem Wolken verhangenem Morgen aufzustehen. Wir haben uns zu viele Sorgen gemacht – wir sind drin – und das Frieren hat sich gelohnt: Der Gang durch den engen Siq, die aus dem Indianer Jones bekannte Schlucht, der Blick auf das in den Fels geschlagene Schatzhaus und die vielen weiteren Gebäude, zum Teil deutlich älter als 2000 Jahre lohnt sich. Wir machen eine längere Wanderung und sind beide total begeistert. Unser Tipp: Fahrt in eurem nächsten Urlaub nach Petra in Jordanien.
Nach zwei Tagen in der syrischen Hauptstadt geht es weiter Richtung Jordanien. Eigentlich ein Katzensprung, wenn da nicht unser kleines Problem wäre: Das Kartenmaterial, besser gesagt das fehlende. Bei der Umplanung unserer Reiseroute haben wir den Asien-Anteil wohl etwas unterschätzt. Zur Erinnerung: Die Westroute wurde wegen zu vieler Terrorwarnungen verworfen, jetzt fahren wir nach Skizzen aus unserem Reiseführer über den Osten. Und die knappen Zeichnungen führen uns Richtung Golan-Höhen, also umdrehen, wieder rein nach Damaskus, zwei Stunden und 46 Kilometer später haben wir die richtige Straße zu packen. Ziel: Totes Meer, Jordanien.
Mit mittlerweile souveräner Gelassenheit reagieren wir auf die nächste Hürde: Zwar wollen auch die Jordanischen Zöllner eine Menge Stempel in unsere Pässe drücken, aber alles geschieht deutlich hilfsbereiter und freundlicher als an der Syrischen Grenze. Zehn Euro für das Visum, neun für die Versicherung – der Start in Jordanien beginnt sympathisch – nur die Geldwechsler wollen uns betuppen, gelingt ihnen aber nicht.
Der Weg an das Tote Meer endet wie die Fahrt aus Damaskus begann – verfahren. Nur so viel, zum geplanten Sonnenuntergang haben wir es nicht geschafft. Die Route selbst: Hölle. Es geht hoch und runter mit bis zu unglaublichen 13 Prozent Gefälle, Kupplung und Bremsen bis an die Schmerzgrenze belastet. Am Toten Meer hindert uns eine Polizeisperre an der Weiterfahrt, aber dafür lassen uns die Jungs an der Station campen. Der nächste Morgen belohnt uns mit reichlich Sonne, ab ins Wasser. Und es stimmt, man geht im Toten Meer nicht unter, ein Traum für jeden Nichtschwimmer (Kay). Allerdings fühlt sich das extrem salzige Wasser auf der Haut ziemlich merkwürdig an, brennt schlimm in den Augen und lässt sich nur schwer wieder abwaschen. Kaum aus dem Wasser rauscht ein Pick Up an, vorne zwei grimmige Soldaten, auf der Ladefläche ein dritter mit riesigem MG im Anschlag. Hoffentlich sind wir nicht zu weit raus geschwommen? Die israelische Grenze ist nah. Nee, auch unsere kurzen Badehosen stören sie nicht: Kay hat Fotos gemacht, als sie an uns vorbei fuhren, nach einem klärenden Blick auf die Kamera, gibt es einen Handschlag und ein „Gute Fahrt“ mit auf den Weg. Und der führt uns nach Petra, bekannt als eines der sieben neuen Weltwunder.
Kaum zu glauben aber der Verkehr in Damaskus ist noch chaotischer als in Istanbul. Die Hube wichtiger als der Blinker. Es gibt Regeln, die wir nach einiger Zeit begriffen haben, zum Beispiel wer Rechts abbiegen möchte, macht das auch bei Rot, und Regeln, die wir immer noch nicht durchschauen – wer hat Vorfahrt im Kreisverkehr? Aber auch hier funktioniert unsere Taktik: Vorsichtig in die Kreuzung pirschen und im richtigen Moment durchstoßen. Noch übler ist das Parken, selbst erfahrene Eimsbüttler würden hier an ihre Grenzen stoßen. Nach langem Suchen finden wir eine Lücke, müssen dafür lediglich ein paar Mülltonnen beiseite räumen und ein Verkehrsschild verdrehen. Die Stadt selbst ist der Hit, ein Basar mit unzähligen Gassen, Gerüchen und einer Menge Gedrängel, Teestuben und die sehenswerte Moschee Umayyad. Für uns überraschend wie entspannt man im Gotteshaus bummeln und fotografieren kann. Keiner fühlt sich gestört, solange man die Andacht respektiert. Und natürlich – das Christenviertel, mit Fußball und Bier in der Kneipe. So macht Reisen Spaß.
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Kay Amtenbrink und Bernd Volkens fahren vom Hamburger Kiez nach Südafrika. Ihr Ziel, die Fußball-WM am Kap. Los geht es am 8. Februar, wenn alles klappt sitzen die beiden am 11. Juni im Stadion.
Kontakt: tour (at) vom-kiez-zum-kap.com
Oder direkt: bernd oder kay (at) vom-kiez-zum-kap.com


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